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tatort und phantombild - Künstlerische
Ermittlungen
Ausstellung "Tatort und Phantombild"
mit
Die Ausstellung wird ergänzt durch Objekte aus der
CineStar, Schützengasse 14, 99423 Weimar Eröffnung am Samstag, den 4.6.2005 um 20 Uhr Eine Film/Vortragsreihe im Kino CineStar begleitet die Ausstellung. Die Ausstellung findet statt im Rahmen
des Festivals: Räuber + Gendarmen, www.schillerfestival.com
Die Idee zur Ausstellung „Tatort und Phantombild.
Künstlerische Ermittlungen“ entstand nach der Lektüre
von Schillers Dramenfragment „Die Polizey“. Schiller beschäftigte
sich in den letzten Jahren seines Lebens mit diesem Stoff, der im Paris
Mitte des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist. Schillers Idee ist, mit der
Beschreibung der französischen Polizei des Barock das Bild einer
ganzen Gesellschaft zu zeichnen. Sie unterscheidet sich grundsätzlich
von der heutigen Institution. Roland Boden erzeugt in seinem Video „Schläfers Traum“ (2005) computergenerierte Schauplätze möglicher Straftaten. Dazu benutzt er unsere kollektiv abrufbaren Vorstellungen medial geprägter Tatorte. Wir sehen sterile Treppenhäuser an strengen Fassaden, gehen durch Parkhäuser oder labyrinthische Gänge, mal hört man einen Helikopter, mal Schritte, plötzlich wird ein Auto angelassen. Die Orte der acht geloopten Filmsequenzen sind menschenleer. Die Aufladung ganz bestimmter Orte durch eine Straftat untersucht die Berliner Künstlergruppe p.t.t.red (Stefan Micheel und HS Winkler)in ihrer Polaroidserie „M-Mord im öffentlichen Raum“ von 1993, in Berlin und New York: Schauplätze realer Verbrechen wurden von den Künstlern in Zeitungen und Archiven recherchiert und in einer 144-teiligen Instantkamera-Serie aufgenommen. Ein schabloniertes M auf der Strasse markiert den Ort der abwesenden Handlung. Auch Sophie Calle ist in New York unterwegs. Acht Menschen werden nach einem Lieblingsort bzw. einem Ort mit besonderer, persönlicher Bedeutung in der Bronx befragt. Sophie Calle folgt ihnen zu den individuell sehr verschiedenen Orten und fotografiert die Menschen dort. Geheimer Ort und Protagonist verschmelzen zu einer Bedeutungseinheit. Ein persönlicher Text der Befragten begleitet die Bilder. „Bronx“, 2001. In London suchen die Desperate Optimists in den suburbs nach dem Ort der Tat. Christine Molloy und Joe Lawler benutzen für ihre Arbeit „Catalogue“ (DVD, 2002) den Londoner Stadtplan als Ausgangspunkt. Der Besucher wählt zwischen Straßennamen von A bis Z, die Kurzfilme erzählen neben einer Fahrt durch diese Straße die fiktive Geschichte eines Anwohners. Die Straßen, hauptsächlich ihre Namen sind bemerkenswert, illustrieren die kriminelle Energie ganz normaler Menschen. Vorgärten, Carports, Eingangstüren, parkende Autos, kaum Menschen. Der Ausstellungsbesucher wird selbst zum Detektiv, der den Spuren folgt. Steffen Gross deklariert mit einer großformatigen Fotografie aus der Serie: „Stories“ (1999-2003) Landschaft zum Ort fragwürdiger Handlung. Seine Bilder zeigen neben dem vermeintlichen Idyll dargestellter Natur Spuren von hintergründigen Aktivitäten. Das massierte Auftreten von Überwachungskameras im öffentlichen Raum der letzten Jahre zeigt das Mißtrauen, das der Staat dem Bürger entgegenzubringen scheint. Jeder Mensch ist in dem Moment, wo er den öffentlichen Raum betritt, schon ein potentieller Krimineller. Die Hysterie nach Orwells Roman „1984“mit dem geflügelten Slogan:„Big brother is watching you!“ scheint langsam und stillschweigend in die Realität über zu gehen. Einige Künstler haben sich diesem Thema in den letzten Jahren angenommen, beispielsweise Holger Beisitzer in seiner klandestinen Installation am Weimarer Bahnhof: „I am just a Boy but I will win (catch my fall)“ im Dezember 2004. Ein Spielzeugrevolver wurde über Nacht auf eine Überwachungskamera montiert, Kameraauge und Auge der Waffe richteten ihren Zwillingsblick auf die Passanten. Nach - immerhin erst - einem Tag wurde der Revolver entfernt. Von wem weiss der Künstler nicht. Der Schauplatz des Krieges heute ist das von Maschinen
gesteuerte Auge, die digitale Kamera, der Computer, der TV-Monitor. Ununterscheidbar
das fotografierte vom manipulierten, computersimulierten Bild. In der
Filmtrilogie „Auge/Maschine“ von 2001 bis 2003 geht der Filmemacher
Harun Farocki den
manipulierten Bildern im Golfkrieg nach: „Im Zentrum des Films stehen
die Bilder des Golfkriegs, die 1991 weltweit Aufsehen erregten. In den
Aufnahmen von Projektilen im Zielanflug waren Bombe und Berichterstatter
identisch. Mit dem Verlust des "authentischen Bildes" wurde
auch die historische Zeugenschaft des Auges aufgehoben.“ (Harun
Farocki) Timm Ulrichs zeigt den „Tatort Teppich: der Künstler am Boden“ von 2000/2001. Das aus Schurwolle gefertigte Wohnzimmerstück wird von einer Fotoreihe aus der Serie: „Tatort-Zeichnungen. Menschen-Bilder der Kriminalpolizei“ von 1968 begleitet. Ein grosser Komplex an Arbeiten, ausgestattet mit der besonderen Ironie, die Ullrichs zueigen ist, ist dem Kunstmachen, dem Leben als Künstler mit all seinen Erscheinungsformen gewidmet. Die vielförmigen Werke des Künstlers widmen sich seit den 60er Jahren der Darstellung des menschlichen Handelns in Grenzsituationen; der Künstler selbst ist der Protagonist seiner persönlichen Abgründe wie auch seiner gesellschaftlichen Determiniertheit. Dies zeigt sich beispielsweise an Überwachungspraktiken der Polizei, die der Künstler – schon 10 Jahre vor Sophie Calle - konsequent auf sich anwendet. Um die Differenz zwischen Privat und Öffentlich geht es auch in der Rauminstallation von Matten Vogel. Wer drinnen ist, ist Voyeur eines Aussen, das anderswo stattfindet. Aussen ist das Fremde, das mit dem eigenen Blick interpretiert werden möchte. Die Neugier am Anderen generiert Assoziationsketten, deren tatsächliche, reale Unterlagen weit weniger spektakulär sind als die Fiktion. Das ist auch Inhalt der Installation einer Wand „Privat“ von Matten Vogel. Hinter der Wand, im privaten Raum sozusagen, wird der Blick frei gegeben auf das Fremde. Auf vier in die Wand eingebauten Monitoren sehen wir Einblicke in Fenster der unmittelbaren Nachbarschaft des Künstlers, Hochhäusern am Berliner Spittelmarkt. Eva Teppe zeigt drei Stereobilder
aus der Serie: "Es ist selten, dass die Dinge klar sind, nicht?"
von 2002. Nicht zuletzt ist der Tatort auch die sonntägliche Fernsehserie, in der es um das kollektive Vergnügen an der Aufklärung einer Straftat, von der heimeligen Couch aus, geht. Die zarten blaugrauen kleinformatigen Blätter von Monika Bayerl, führen die filmischen Szenen aus dem Tatort zurück in die klassische Handzeichnung. Damit wird eine ikonografische Verwandlung vorgenommen, die gleichermassen zur Domestizierung der Morde führt. Es entstehen Bilder, die schliesslich wieder über dem Sofa hängen könnten. In der Auseinandersetzung mit Phantombildern sind drei Künstler/innen auf sehr verschiedene Weise in der Ausstellung präsent. Bei Phantombildern handelt es sich meist um fiktive Porträts, die mit verschiedenen Technologien hergestellt werden und eher einen Menschentypus produzieren, als ein konkretes Abbild. Angesichts eines Phantombildes wird der Betrachter auch gleichzeitig zum Detektiv. Der Mitmensch potentieller Täter. Maureen Anderson hat in amerikanischen Webarchiven Porträts von Straftätern recherchiert. In der Videoarbeit „Objekte der Begierde “ von 2004/2005 verarbeitet sie Porträts von 1200 Menschen die in Florida aufgrund von Drogendelikten gesucht werden oder schon verurteilt worden sind. Mittels digitaler Überblendung der Fotos entsteht ein verdichtetes Archiv. Der Betrachter versucht immer wieder eine Person zu erkennen, die sich jedoch durch die schnelle Folge entzieht. Michaela Melián rekonstruiert gemeinsam mit einem Zeichner des Bayrischen Landeskriminalamtes Porträts von Frauen, die zu Unrecht mehr oder minder vergessen sind. Dabei stieß sie auf ein neues Computer-programm mit dessen Hilfe heute Phantombilder am Rechner erstellt werden. 59 Identität-stiftende Gesichtsteile wie Nasen, Augen, Bärte oder Brillen aus einer Demoversion des Phantombilderstellungs-programms „Facette“ hat die Künstlerin auf ovale Plexiglasscheiben gedruckt. Diese hängen ähnlich einem „Mobile“ (1999) von der Decke. Der Besucher kann sein eigenes Gesicht interaktiv verändern . Gerhard Lang arbeitet mit einem nichtdigitalen Vorläufer dieser Technologie. In diesem Gerät können bis zu 4 Passfotos zu einem neuen Bild zusammengestellt werden. Lang benutzt als Bildarchiv nicht nur Bilder von Menschen sondern auch eine Reihe von tierischen Antlitzen. Es entstehen faszinierende Porträts einer neuen Spezies. Diese fast wissenschaftlich anmutenden Phantombilder der Serie: „Palaenthropische Physiognomie“, zwischen 1992 und heute entstanden, werden in Weimar zu sehen sein. Der Tatortkoffer der ehemaligen Volkspolizei, entliehen aus der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin, beherbergt alle möglichen Utensilien, die am Tatort zum Einsatz kommen könnten: Russ, Kerze, Bindfaden, Zollstock, Fläschchen mit Flüssigkeiten, kleine Werkzeuge etc. Er ist bis heute im Einsatz. Das Tatortmodell, zeigt die acht Schritte der Tatortarbeit nach Gennat, einem Polizeihauptmann im Berlin der 20er Jahre. Verschiedene Phantombildzeichengeräte veranschaulichen die Sehnsucht des Polizeiapparats, sich ein System der Gesichtserkennung, Rekonstruktion des Täters zurecht zu legen. Diese und weitere Objekte der Polizeihistorischen Sammlung Berlin, zeigen ausschnitthaft den polizeidienstlichen Umgang mit Tatort und Phantombild. Fotos aus Verbrecherbüchern des 19. Jhdt machen retrospektiv die Gesichtsphysiognomik von Lavater und Cesare Lombroso als interpretative Entschlüsselungsmethode deutlich.
[Katharina Hohmann und Katharina Tietze] Katharina Hohmann ist bildende Künstlerin,
Katharina Tietze Designerin. Neben anderen künstlerischen und Begleitprogramm im Kino Cinestar: Sonntag, den 5. Juni 2005 Lange Mord Nacht
Sonntag, den 12. Juni 2005 Tatort-Spiele: Zum Verhältnis von Tätern
und Opfern im Spiel Sonntag, 26.Juni 2005 Der erste Tatort Sonntag, 9. Juli 2005 Tatort-Dokumentationen |
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