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Katharina Hohmann / Katharina Tietze
(Text für das Jahrbuch 2003 der Fakultät Gestaltung,
Bauhaus-Universität Weimar)
Das Zentrum für Kunst und Mode hat seinen Ort in einem ehemaligen
Zeitungskiosk an der größten Kreuzung Weimars.
Am Sophienstiftsplatz, unter einer hoch gewachsenen Platane gelegen, neben
drei stadtbepflanzten Betonblumenbecken, einem französisch klingenden
Frisör nebenan und einem Blumenladen gegenüber, steht er
auf seinem idealen Platz mitten im belebten Zentrum: Flankiert vom Deutschen
Nationaltheater, nahe am Goetheplatz und direkt vorm Busbahnhof, im Stakkato
der Ampelphasen umfahren von Autos aus den verschiedenen Richtungen.
Kiosk
Der Kiosk ist Wegweiser und Kern der multifunktionalen Innen-stadtkreuzung.
Ein städtisches Möbelstück, kompakt und symmetrisch, ein
Pavillon ganz aus Glas und Messing mit japanoidem Dach: leicht angeschrägt
und an allen Seiten überstehend lädt er zum Verweilen ein: als
Markierung mit dem Charakter eines Doppelpunktes.
Der Zeitungskiosk aus den späten sechziger Jahren, ein DDR-Serien-modell,
damals unter den Fittichen der Post, dann mit verschiedenen Besitzern
bis zum Winter 2000 mit den Kommuni-kationsmedien des kurz erst geeinten
Deutschland bespielt.
Drei gab es nach der Wende in Weimar. Den letzten Übrig Gebliebenen
haben
wir nun zum Ort für das künstlerische Spiel mit der Mode oder
das modevisionäre Spiel mit der Kunst gemacht. Seit Februar 2002
Zentrum für Kunst und Mode und K&K: Kaiserlich, königlich
oder Kunst-Kommerz oder Krinolinen und Katastrophen.
Kunst und Mode
Ein temporäres Projekt als Austragungsort eines noch nicht ausge-standenen
Zwists zwischen Kunst und Mode, also von Beeinflussung und Hingabe, von
distanzierter Betrachtung und jäher Übernahme. Ein zeitgemäßer
Schauplatz für Gedanken und Trends, Nähte, Schnitte und Ösen
für diese besondere Spannung zwischen den Gattungen, die zu halten
genauso schwer ist, wie sie zu ignorieren.
Kunst und Mode als Schnittmenge nach der wir nicht suchen müssen,
da sie per definitionem also durch (un)eingeschränkte Schönheit
bestimmt und durch tradiertes Interesse am menschlichen Körper schon
immer da ist. Zwar und gerade in den letzten Jahren mal mehr und mal weniger
geschätzt, gewollt, plausibel, legitim. Ein unermüdlich scheinender
Dialog der Wertigkeiten der uns veranlasste, den Zwist an diesem Ort exponiert
und öffentlich auszutragen.
Es ist ein Kampf: der zwischen Oberfläche und Tiefgang, Diskurs und
Methode, Leidenschaft und Distanz, Wissenschaft und unreflektiertem Trend,
der uns interessiert.
Kunst und Mode, Mode und Kunst, Kunstmode und Modekunst:
wie man es dreht und wendet die Beziehung ist heiß und innig und
gleichsam schwierig.
Modedesigner waren immer schon inspiriert von Künstlern: Am populärsten
die Künstlerkleider von Yves Saint Laurent: Mondrian und Picasso
auch Mirò bewegt auf dem Laufsteg. Das ist akzeptabel, da weiß
jeder was gemeint ist.
Einen fast nahtlosen Übergang gibt es in der Fotographe: Viele bedeutende
Fotographen haben auch Mode fotografiert; und das nicht nur zum Geldverdienen.
Seit einigen Jahren gibt es Kollaborationen zwischen Künstlern und
Modemachern, z.B. arbeiteteauf der Biennale di Firenze 1996 die Künstlerin
Jenny Holzer mit dem Modedesigner Helmut Lang zusammen. Cindy Sherman
gestaltete Anzeigenkampagnen für das japanische Label: Comme des
garcons. Die Mode wandert sogar ins Museum, wie Armani ins Guggenheim.
Unser Ansatz aber ergibt sich vorallem aus persönlichen Erfahrungen
und Interessen auf unseren eigenen Arbeitsgebieten: Installationskunst
und Bekleidungs-Design. Und nicht zuletzt der öffentliche Raum als
Rahmen für dialogische Interaktivität..
Uns interessieren Sammlungen von scheinbar periphären Phänomenen
der Alltagskultur im Kontext mit Körper und Kleidungsverhalten, der
Glanz und die Abnutzung von Hüllen und Oberflächen, die Zeitschrift
als historische und aktuelle Plattform für Innovation, und nicht
zuletzt der Kiosk selbst: als durchsichtige Kleinstarchitektur im Stadtraum,
als öffentlicher Ort, als Kommunikationsmoment. Sowohl im Hinblick
auf das Zeigen von Mode als Fundus als auch auf die Auseinandersetzung
mit Kunst in ihrer Reflektiertheit und doch scheinbaren Zweck-freiheit
scheint uns der Kiosk ideal.
Die - alle drei Wochen wechselnden - Ausstellungen haben wir als gestaltende
Künstlerinnen selbst erdacht und umgesetzt, aber auch Gäste
eingeladen, den Blickwinkel zu erweitern und die Diskussion vielschichtig
zu machen. Künstlerinnen, Wissenschaftler und Designer haben sich
auf unsere Fragen eingelassen und mit hohem Engagement ihre Antworten
im Kiosk formuliert. Nicht zuletzt waren es auch die
Studierenden, die im Juni 2002 mit höchster Energie und Ideenreichtum,
dem Kiosk alle drei Tage ein neues Aussehen und einen neuen Inhalt verpassten.

Sammlungen
Taschentücher: Alltagskultur aus der Hosentasche mehr fürs Versteck
als fürs Revers heutzutage. Im Februar eröffneten wir mit unserer
Sammlung von über 300 Taschentüchern, programmatisch unsere
Ausstellungsreihe im K&K.Zentrum für Kunst und Mode.
Taschentücher weil klein, textil, schmutzig - meistens - und fast
schon nicht mehr vorhanden, denn zeitgemäß tempoersetzt. Und
dennoch: eine unendliche Vielfalt an Stoffquadraten, als kleinster gemeinsamer
Nenner menschlichen Modeverhaltens, die uns zuflatterten. Das Taschentuch
als Stück Kulturgeschichte, als Märchenerzähler in Kinderhand,
als zerlöchertes Karogebilde in der Gesäßtasche berufstätiger
Männer.
Frühjahrsfarben: Trends setzen. Blicke auf die Zukunft in der Mode
die eigentlich schon Vergangenheit ist. Was trägt man diesen Frühling?
Information und kritisches Farblexikon mit den Stichworten Miso, Xex und
Zero. Ein Setzung, die von Untertönen geleitet ist. Zieht doch an
was ihr wollt! Dennoch: der Kiosk wird zur hinterglasbemalten Installation,
elffarbig verschlossen. Schön.
Labels: Unscheinbare Einnäher, die den Wert des Textilobjekts primär
bestimmen, von dem Weimarer Designer Manuel Fabritz fotografiert und zwanzigfach
vergrößert. Jede Faser wird haptisch, mit dem Auge fährt
man darüber wie mit dem Finger über noch nie Gefühltes.
Die Fotografien sind schärfer als das Auge sieht. Ein Portrait des
Künstlers aus Schiesser, Levis und Oshkosh. Geformt vom eigenen Körper
wird das Label Zeichen und Abdruck des individuellen Trägers.
Jeansdinge: Vom zweibeinigen Jeans-Feuerzeug, über Teller, Schlüsselanhänger,
Fotoapparat, Barbiekleidung, Schallplatte und Buchcover, Waschmittel und
Deo-rollon. Außerhalb der Jeans wird das Material zum Fetisch. Nicht
mehr die hautenge, individualiserte Levis 501 steht heute im Zentrum der
Jeanstragekultur sondern vielfältig ausgeklügelte Designobjekte
vom nietenbesetzten Damenslip zum Jeansflickenaufdruck auf Kinder T-shirts.
Revival oder Materialschlacht, Gimmickproduktionsüberfluss aus Taiwan.
Die von uns und vielen Sammelhelfern
aus aller Welt zusammengetragenen Gegenstände wurden von uns museal
katalogisiert, klassifiziert, auf weißem Sockel im Kiosk ausgestellt.

Hüllen
Frühjahrsfarben. Trends setzen. Blicke auf die Zukunft der Mode,
die eigentlich schon Vergangenheit ist. Was trägt man/frau diesen
Frühling? Information und kritisches Farblexikon mit den Stichworten
Miso, Xex und Zero. Eine Setzung, die von Untertönen geleitet ist.
Zieht doch an was ihr wollt! Dennoch: der Kiosk wird zur Installation,
elffarbig, verschlossen. Schön.
Via Monte Napoleone: Die glamouröse Modestrasse im Zentrum Mailands
portraitiert in groß-formatigen Plotterausdrucken, in abstrahierendem
schwarz-weiß. Blicke in verschlossene Schaufenster, mehr italienischer
Strassenalltag als Glamour, dafür aber ein wehender Vorhang aus bodenlangem
Goldlametta für den Kiosk. Glamour endlich auch in Weimar!
Unmögliche Kleiderobjekte: Ein weißer Nesselvorhang umschließt
von Innen die Kioskfenster. In applizierten Kreisen auf dem weißen
Nesselvorhang erscheinen farbige Zeichnungen der Berliner Künstlerin
Christiane ten Hoevel zu unmöglichen Kleiderobjekten,
eine visonäre Modenschau
zwischen Skulpturentwurf und skurriler Untragbarkeit. Durch farbig gefaßte
Löcher im Stoff wird punktuell der Blick auf ein burgunderrotes Kleid
im Inneren des Kiosk freigegeben.

Zeitschriften
Sibylle: Historisch. Die wichtigste fast einzige DDR-Modezeitschrift von
1954 bis 1995 im Zeitschriftenkiosk im Jahr 2002. Flanieren und Wiedersehen,
Erstaunen über die Genauigkeit der fotografischen Vorhaben von Arno
Fischer und Sibylle Berg. Cord und Bodemuseum, Pepita in Sanssouci. Der
Alltag der DDR-Frau. Emanzipiert und bescheiden, klug und ja, sogar modisch.
Ein Rückblick und eine Fragestellung gerichtet an Elle,
Allegra und Brigitte: was wisst ihr heute mehr?
pro qm: Als Kontrapunkt dazu gastierte die Berliner thematische
Buchhandlung pro qm im Kiosk. Hochaktuelle und seltene, teils subversive,
teils künstlerische, auch glamouröse internationale Modemagazine,
wie Purple, Re-magazine, Zoo, Starship,
Butt, Another Magazine, oder die Antwerpener Modezeitschrift
No. lagen für eine Woche zum Verkauf aus.

Der Ort selbst
night shop: Der Kiosk findet sich selbst wieder. Die Studierenden Christin
Albert und Laurentius Schmeier verwandeln den Kiosk für vier Nächte
in einen großstädtischen Spätkauf. Jägermeister,
Superillu, Hanuta, Duplo, Afri-cola, heiße Würstchen, Bier,
Musik und ausgewählte Videos locken Sommerschwärmer bis in die
Morgenstunden auf die Kreuzung. Vier Nächte lang Simulation und Totalinszenierung
eines Ortes, den die Weimarer Jugend so sehnsüchtig entbehrt.
Kiosk 1:1: Großformatige Fotografien vom leeren Kiosk hat die Fotografin
Naomi Teresa Salmon auf die Fensterscheiben des Kiosks kachiert. Die Simulation
der Realität erschafft eine doppelte, neue Realität. Die abgebildete
letzte Besitzerin des Kiosks, posierte Tag und Nacht im Fotoleuchtkasten,
stoisch im blaugeblümten Kittel, in statischer Präsenz.
Hutsalon: Vierzig Filzhüte aus der Kollektion der Berliner Bildhauer
und Hutskulpteure, Günter Unterburger und Ingrid Mostrey, für
eine Woche zu betrachten und aufzuprobieren. Mit ihrem Berliner Label
PHILEMON & BAUKIS kommt eine Ansammlung inspirierter und ausgefallen
skulpturaler Hüte nach Weimar. Der Kiosk wird zum begehbaren Hutsalon
mit Spiegeln und rotem Teppich.
Das Gemurmel um den Kiosk trägt die Gedanken weiter. Wir sähen
Spuren, Zwietracht und Gefallen. Das Kommunikationspotential des Zeitungshäuschens
hat sich bewiesen. Das temporäre Projekt hat in Weimar und lokal
großen Zuspruch erhalten. Die Presse reagiert mittlerweile auch
überregional. Unsere Website www.kkkiosk.de vermittelt im Sinne eines
Archivs visuelle Eindrücke und Konzepte. Eine Reihe von ca. 45 Abonnent(inn)en
sammeln in einem Ordner alle zu den Ausstellungen erscheinenden Texte
und Flyer.
Dank an die Geldgeber für die bisher zwei jährige
Förderung: Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung
und Kunst, Bauhaus-Universität Weimar und Stadtkulturdirektion.
Förderung 2004: kunstfonds e.V., Bonn.
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