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Katharina Hohmann
DIA/SLIDE/TRANSPARENCY oder die Kunst des Dazwischen
(aus: Jahrbuch der Fakultät Gestaltung, Bauhaus-Universität
Weimar, 2001)
DIA/SLIDE/TRANSPARENCY: Diese
Bezeichnung findet sich auf den Packungen von Dia-Fotomaterial. Die drei
Begriffe bezeichnen im Englischen das Gleiche, aber sie weisen auf unterschiedliche
Facetten eines Phänomens hin: dia ist eine aus dem Griechischen stammende
Vorsilbe mit der Bedeutung durch, hindurch, zwischen.
Slide bezeichnet das Material, das vorhanden sein muß, um eine Projektion
zu ermöglichen, die sogleich entgleitet, während transparency
sowohl das Bild als auch das Durchscheinen selbst die Lichtdurchlässigkeit
zu fassen versucht. Dia, slide und transparency weisen unmittelbar
auf eine ephemere Präsenz, auf ein Zwischenstadium hin: Ein Bild
entsteht, das unfaßbar bleibt und sogleich verschwindet. DIA/SLIDE/TRANSPARENCY.
Materialien zur Projektionskunst war der Titel einer Ausstellung,
an der ich als Kuratorin beteiligt war. Ihr Thema war das Medium Dia;
sie wurde vom 21. Oktober bis zum 26. November 2000 in der Neuen Gesellschaft
für Bildende Kunst (NGBK) und dem Kunstamt Kreuzberg/Bethanien in
Berlin gezeigt.
Unser Vorhaben war eigentlich unmöglich: Wir versuchten einem Medium
auf die Spur zu kommen, das seinen Grundmerkmalen nach nicht faßbar
ist. Sicherlich ein Grund, warum das Dia bisher überhaupt noch nicht
Thema einer Ausstellung gewesen ist. Entweder wurden Dias als eine Spielart
der Fotografie oder technisch-historisch als Vorstufe der bewegten Bilder
und des Films begriffen, aber eine spezifische Auseinandersetzung mit
der kulturellen künstlerischen Bedeutung dieses Mediums hat bisher
nicht stattgefunden. Die Ausstellung DIA/SLIDE/TRANS-PARENCY wollte einen
ersten Beitrag zur Aufarbeitung dieses scheinbar verkannten Teilbereiches
der Mediengeschichte leisten und zeigen, daß weder von einer Linearität
noch von einer Eigenständigkeit medienhistorischer Entwicklungen
ausgegangen werden kann.
Das Dia, wie wir es heute kennen, klein in Farbe und fotografischen Ursprungs,
wurde von den Brüdern Lumière 1905 als Autochrome (das Sich-selbst-färbende)
erfunden und von der Firma Agfa hergestellt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg
kam das Kleinbilddia auf den deutschen Markt. Seither ist das Diapositiv
ein transparentes fotografisches Positiv, das im englischen Sprachraum
Slide und Transparency genannt wird. Es setzt an die Stelle der einhundert
Jahre alten Tradition der Fotoalben aus Pappe und Papierfotoabzügen
nun Diaarchive in Plastikschachteln.
Um das Dia sichtbar zu machen, wird ein Zwischenglied benötigt: ein
Apparat, der zur Projektion des Lichtbildes dient. Die erste technische
Erfindug in dieser Richtung stammt vermutlich von Giovanni da Fontana
aus der Zeit um 1420. Die Geschichte der Projektion ist mit der Geschichte
von Reiseberichten gekoppelt, eine Bildungs- und Vergnügungsform,
die bis heute noch präsent und allen wohlbekannt ist. Auf Bauzäune
geklebte Poster Nepal, Kanada oder Mit dem
Fahrrad um die Welt signalisieren und suggerieren eine ganz besondere
Form des Erlebnisberichts live. Vor allem die technisch verführerischen
Qualitäten von Diashows stehen noch heute im Mittelpunkt: die Leuchtkraft
fotografierter Bilder und die Narration, die unmittelbar an das persönliche
Erleben und Sehen des Erzählers gekoppelt ist. Den Transfer in die
Filmwelt hat die IMAX-Kette am auffälligsten vollzogen: Mit ihren
Rundum-Schauen, die kaum länger als 45 Minuten dauern, ist der Bildungsaspekt
dem Verführungsaspekt gewichen. Überwältigung durch dreidimensionales
Rundum-Sehen im Pilotensessel leistet heute das, was Taquets gemalte Glasscheiben
im siebzehnten Jahrhundert boten, oder die Reiseberichte eines Hermann
Barth aus Weimar, der nach dem 2. Weltkrieg in ausverkauften Sälen
die Losung ausgab: Auf nach Capri.
Im Dunkeln leuchtet ein Bild aus Licht und mittels Licht auf. Es gibt
nicht nur eine Geschichte der technischen Entwicklungen, sondern auch
eine Geschichte des Sehens und des Betrachtens. Entscheidend für
unsere Materialsammlung waren daher die Inszenierungen, die Gebrauchsweisen
von Projektionen und die Frage, wie diese einen sozialen Körper prägen
und neue Techniken des Betrachtens schaffen. Das Dia bleibt eine immerwährende
Schnittstelle, ein Medium der Medien, ein Zwischenglied zwischen den Welten
und den Medien: Raum, Licht, Sprache, Ton, Bild.
Zwei Jahre lang wurden in einer siebenköpfigen, interdisziplinären
Arbeitsgruppe Materialien für die Ausstellung zusammengestellt, die
perspektivische Facetten dieses Mediums präsentieren. Dabei leiteten
uns Fragen nach dem Gebrauch und der Inszenierung von Diaprojektionen
im Privaten, im Außenraum oder in der Reisediaschau. Wir
wollten Aspekte des Umganges mit diesem Material aufzeigen, das sich in
Archiven, auf Dachböden oder in Nachlässen beim Trödler
befindet. Die Geschichte des Mediums sollte nicht als Geschichte technischer
Entwicklungen dargestellt werden, sondern als Geschichte des Betrachtens
und des Sehens.
Im Ausstellungskonzept entsprach es der üblichen Verwendungsweise
von Dias, dass der Thementeil mit zehn verschiedenen Bereichen selbst
als eine Diaschau angelegt wurde. Ein Einzelbild bleibt stehen, verweilt,
um mit einem leisen Klicken zu entschwinden. Das nächste Bild taucht
auf. 13 von der Decke herabhängende Diaprojektoren (interaktiv, zum
Weiterklicken durch die Besucherinnen und Besucher) zeigten: Apparate
des Betrachtens, Archiv, Museum und Hörsaal,
Projektionen (Philosophien des Transparenten), Per Dia
Reisen, Erzählen, Projektionen im Aussenraum
und eine Dialaounge mit unterschiedlichen Diaprojektionen
und Veranstaltungen.
Die Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung vertreten
waren: Fritz Balthaus, Gunda Förster, Anton Henning, Stefan Hoderlein,
Sven Kalden, Mischa Kuball, Mark Kubitzke, LEO, Rémy Markowitsch,
Stefan Mauck, Nina Sidow, Beat Streuli, Michel Verjux, Osk Vilhjalmsdottir
und Annett Weißenburger. Sie realisierten mit unterschiedlichen
Blickrichtungen Arbeiten zu Phänomenen des Lichtes, des Durchscheinens
und der Projektion. Ihr Umgang mit dem Material verweist auf kulturelle,
soziale und ästhetische Dimensionen des Dias. Meine eigene künstlerische
Arbeit mit der des Kuratierens und der Lehre verbindend, lud ich eine
Gruppe von Studierenden aus meinem Fachkurs Projektionen an
der Bauhaus-Universität dazu ein, im Rahmen von DIA/SLIDE/TRANSPARENCY
eine Ausstellung in der Ausstellung zu bespielen. Die Ausstellung
trug den Titel lumilux. Sie fand im Juni 2000 im Gaswerk in
Weimar und dann im November 2000 in der dialounge der Berliner
Ausstellung statt. In Weimar und Berlin wurden Arbeiten von Esther Glück,
Nine Budde, Stefan Baumberger, Grit Höhn/Toralf Kandera, Annemarie
Thiede, Tobias Finauer, Matthias Fischer, Mario Bader/Tobias Rose/Stefan
A. Schmidt, Bahadir Hamdemir/Georg Dümlein und Giulio Neri gezeigt.
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