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„Spuren in die Zukunft legen“ hieß
seinerzeit das Motto Weimars für die kulturellen Aktivitäten
anlässlich seiner Ernennung zur „Kulturstadt Europas 1999“.
Spuren legen, heißt Möglichkeiten zum Fährtenlesen, zur
Lektüre schaffen. Spuren geben einem die Möglichkeit, zu sehen,
wo andere gegangen sind, damit man selbst entscheiden kann, ob man diesen
Einmannpfaden folgt oder andere Wege einschlägt, immer im Bewusstsein,
dass jede Spur einzigartig ist, dass kein Fuß je vollkommen in die
Spur des Vorgängers passen wird und dass man schon, indem man einer
Spur folgt, dieselbe verändert, weil man neue Fußstapfen hinzufügt.
Als die zur Teilnahme am Projekt „outstep“ und den dazu gehörigen
Ausstellungen mit dem Titel „Memories are made of this...“
in Weimar und Modena eingeladenen Künstler begannen, ihre Ideen zu
entwickeln, war ein anderer Aspekt dieses Mottos vielleicht noch wichtiger:
Die Verknüpfung von Zeit und Raum. Schloss Ettersburg wie die Kirche
San Paolo tragen zahlreiche Spuren der eigenen Vergangenheit, es sind
aber Räume, die nicht mehr so genutzt werden, wie die Bauherren es
einst planten. Wie geht man mit Orten um, die ihrer ursprünglichen
Funktion beraubt sind, die aber geradezu von ihrer Geschichte durchtränkt
erscheinen?
Katharina Hohmanns Antwort auf diese Fragestellung erscheint,
wenn man sie in Worte fasst, als die einfachste – die Umsetzung
der Grundidee erfolgte jedoch in einer Fülle von Interventionen,
die die Künstlerin mit Phantasie, Präzision und einer Liebe
zum Detail umsetzte, dass ihr zehnmonatiger Arbeitseinsatz ein so komplexes
Ergebnis hervorbrachte, das allein mehrere Kataloge füllen könnte.
Hohmann studierte minuziös die Geschichten der beiden Ausstellungsorte,
des verlassenen Schlosses Ettersburg bei Weimar und der ehemaligen Kirche
San Paolo in Modena, und belebte beide Orten mit den jeweils eigenen Geschichten,
die sie aufgriff, rekonstruierte und in die Gegenwart fortsetzte.
In Weimar wurde das in den kühlen Monaten für Besucher nicht
zugängliche Schloss zunächst alle vier Wochen durch mehr oder
weniger dezente Eingriffe wie eine übergroße Plastik für
den Außenbetrachter verändert: Ob hinter den Fensterscheiben
Lichterketten hingen oder alle Fenster durch mit Jagdmotiven dekorierte
Holzplatten verbarrikadiert wurden, ob auf dem Dach plötzlich wieder
eine Fahne wehte, die aber die ganz unheraldische Aufschrift „Zeit“
bzw. auf der Rückseite „Speicher“ trug, oder ob im hinter
dem Schloss liegenden Pücklerschlag ein Feuerwerk gezündet wurde:
Das Gebäude wirkte wie eine große Skulptur, die immer wieder
in einen anderen erzählerischen Kontext gestellt wurde: Hohmann versuchte
nicht, das Alte wiederherzustellen, sondern knüpfte an die Geschichte(n)
Ettersburgs an. Die Lichterketten erschienen als eine Fortsetzung seiner
Nutzung als Altersheim in den 60er und 70er Jahren, entsprachen aber durchaus
dem heutigen bürgerlichen Geschmack. Die Jagdmotive(n) auf den Fensterverkleidungen
entstammten einem kolorierten Kupferstich zur Jagd, die Napoleon auf dem
Schlossgelände 1806 mit Europas Fürsten und dem russischen Zaren
veranstaltet hatte – die Idee, die Fenster damit zu verbarrikadieren
entsprang aber der Tatsache, dass ohnehin eine große Zahl der Fenster
dieser Schlossbaustelle wegen fehlender Scheiben mit Holzplatten gesichert
waren. Die Flagge gemahnte zugleich an die fürstliche Herrschaft
wie an die Hermann-Lietz-Schulzeit – sie wies aber keine heraldischen
Bezüge zu diesen Epochen auf sondern, sondern regte zum Nachdenken
über dieses verlassene Kulturdenkmal als „Zeitspeicher“
an. Die „neun Monate des Hauses E.“ jene Serie von Interventionen
Hohmanns, die der eigentlichen Ausstellungen vorangingen, sind durch einen
Leporello dokumentiert, der das Schloss aus dem immer selben Blickwinkel
in seinen verschiedenen Gestaltungen darstellt.

Zur Weimarer(? würde ich vielleicht nur: Sommerausstellung nennen)
Ausstellung gab Hohmann dem Ettersburger Schloss von außen den Anschein,
als sei es – in Fortsetzung seiner Nutzung als Altersheim- nun in
die Hände des sozialen Wohnungsbaus gefallen: Vorhänge verschiedensten
Geschmacks, Beleuchtungen und Blumenkästen, Kakteen in den Nischen
und ein Klingelschild mit Namen von Zuwanderern aus dem Osten verwandelten
das Schloss in einen profanen Bau - der aber endlich wieder zum Leben
erwacht erschien. Sobald man jedoch die Türschwelle überschritten
und sich in Richtung des Treppenhauses gewandt hatte, betrat man eine
museale Welt: ein roter Läufer und in Messing gefasste Posamente
leiteten den Schritt der Besucher in die von der Künstlerin gestalteten
Räume. Dass es dabei vorbei ging an putzlosen Mauern, fehlenden Fußbodenbalken,
zerschlagenen Fenstern, morschen Türen und Löchern in den Wänden,
ließ die Vielfalt der unrealisierten Möglichkeiten dieses einstig
architektonischen Juwels nur noch deutlicher aufscheinen: Hinter Trümmern
schimmerten nun barocke goldgefasste Spiegel dekoriert mit farbenfrohen
Blumensträußen, wo eine leise Stimme im Hintergrund Hans Christian
Andersens Märchen vom standhaften Zinnsoldaten erzählte und
der aufmerksame Besucher zwischen den Scherenschnitten alla Andersen auch
den Protagonisten, den (echten?) Zinnsoldaten auf einem Bein entdecken
konnte.
Das möglicherweise ehemalige Schlafzimmer der Fürstensprösslinge
war mit schmucken Biedermeiermöbeln und den Accessoires eines heutigen
Teenagers in die Gegenwart gerückt – in eine Gegenwart, die
den Verfall der Nebenräume nicht verdeckte. Auf dem obligatorischen
Fernseher des Mädchenzimmers sah man einen Videoclip besonderer Art:
Junge Frauen unterschiedlichster Herkunft beseitigten singend den Ettersburger
Fensterschmutz von 40 Jahren – in einem Endlosloop.
Im Gegenstück, dem Herrenzimmer, holzgetäfelt mit Jagdmotiven,
Rauchzeug und Cognac, Hirschgeweihen und Napoleons kleiner Jagd als Schmuck,
schienen sich erneut die Ettersburger Schützen, deren Clubhaus sich
ganz in der Nähe befindet, zu treffen.
 
Auch in Katharina Hohmanns Schillerscher Schreibstube schien die Zeit
nicht stehen geblieben zu sein: Offenbar angeregt von der Hausräumung,
beschrieben im letzten Akt der „Maria Stuart“, den er im Ettersburger
Schloss verfasste, schien sich der Schriftsteller in einen Immobilienmakler
verwandelt zu haben. Der edle Sekretär übersät von Verkaufsanzeigen,
an den Wänden Fotos des Schlosses, die sein Potential verdeutlichten:
Aufnahmen eines barocken Festes im Weißen Saal, aber auch eine Außenaufnahme
desselben mit Verkaufsschildern doppeldeutiger Ironie in den Fenstern:
To sell! A vendre! Zu verkaufen!
 
Im Weißen Saal hingegen herrschte Stille. Leise schwankten nur die
Leuchter an der Decke, sich melancholisch wiegend in der Erinnerung an
die Feste vergangener Tage

Text: Julia Draganovic

Chiesa
di San Paolo Modena
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